Mittwoch, 30. September 2009

Hallo Wachenheim

Ich bin raus aus Mannheim. Bye-Bye geliebte Wohnung...ich werde ewig an dich denken!
Zum ersten Mal seit 8 Jahren wohne ich wieder zu Hause bei Mama. Das ist ein klein wenig wie im Paradies: es ist immer etwas im Kühlschrank, die Wäsche wird gebügelt, abends wird gekocht, die Katze schleicht um die Beine und schnurrt wenn man sie ausnahmsweise neben sich aufs Bett holt, im Garten gibt es die letzten Himbeeren, jeden Morgen gibt es die aktuelle Zeitung zum Frühstück und ich könnte mal wieder Fernsehen schauen. Dafür ist aber keine Zeit. Die verflüchtigt sich einfach so, ohne mir Bescheid zu sagen. Soviele Sachen sind erledigt, nur eins macht mich sehr nervös: Mein unauffindbarer babyblauer Riesenkoffer. Ich gehöre zu der Sorte Mensch, die ihren Koffer schon einige Wochen vorher gedanklich schon mal packen. Dafür war mein Kopf diesmal zu voll und außer eine kleine Liste mit Dingen, die ich unter keinen Umständen vergessen darf, hab ich noch nicht viel Gedanken über das Kofferpacken verloren. Bis heute. Es macht mich sehr nervös das ich noch nicht mal die unnötigen Sachen im Koffer verstaut habe, die ich am Ende doch wieder ausräumen werde. Um nicht ganz verückt zu werden, habe ich immerhin meinen nigelnagel-neuen Jack Wolfskin-Culture Duffel XL-Kulturbeutel gepackt. Nur um ihn gleich wieder auszupacken, ich brauch die Sachen ja noch.

Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zuviel Zeit, die wir nicht nutzen. (Lucius Annaeus Seneca)

Sonntag, 27. September 2009

Ein pfälzischer Abend

Es gibt nichts schöneres auf der Welt als mit lieben Menschen trockenen Rieslingschorle zu trinken, leckere pfälzische Hausmannskost zu essen und dabei einen verdammt schönen nächtlichen Ausblick über die Rheinebene zu haben. DANKE!!!
Einen schöneren Abschied hätte ich nicht haben können, und gleichzeitig auch keinen schlimmeren, denn ich werde das alles wirklich, wirklich vermissen.
Jetzt sitze ich hier in meinem noch nicht ganz leeren Zimmer und lasse mir alles durch den Kopf gehen. Trotzallem ist immer noch nicht der Moment da, in dem ich mir wirklich Gedanken darüber mache hier zu bleiben. Ich will immer noch gehen und ich freue mich auch darauf. Dafür weiß ich jetzt worauf ich mich am meisten freue: wieder nach Hause zu kommen. Ob endgültig oder nur zu Besuch bleibt abzuwarten :-)

Ja so en gude Palz-Woi,
der geht äm in de Hals nei,
der laaft äm dorch die dorschdich Kehl,
do werd mer froh un kreiz - fidel!

Donnerstag, 24. September 2009

Alles reduziert sich - außer die Kartons.

Die neue Küche ist schon da, die ganze Wohnung versinkt im Chaos und mein Zimmer ist überfüllt mit Kartons und Müllsäcken.
Ich bin einem seltenen Virus verfallen: dem Wegschmeißvirus. Heute morgen wurden die Mülltonnen geleert, heute Abend könnten die Müllmänner gleich wieder kommen, denn ziemlich genau die Hälfte meiner Sachen ist eben da gelandet.
Mein Kleiderschrank hat sich drastisch verkleinert, ich habe sogar eine große Menge Schuhe befördert (drei von 26 Paaren ist eine ganz schön große Menge!). Sämtliche Uni-Unterlagen (immerhin fünf große Ordner und jede Menge Schnellhefter) dürfen ihr nicht mehr allzu langes Dasein neben Zeitungen und Eierschachteln fristen, bevor sie zu Klopapier verarbeitet werden. Meine Bücher sind verpackt (ein Karton nur mit Kochbüchern...dabei koche ich doch meistens frei Schnautze).
Genau fünf Bücher werde ich mit nach Kanada nehmen: Ein Backbuch, ein Kochbuch, A short History of nearly everything, How to be a Canadian und mein Tagebuch (ich schreibe tatsächlich noch täglich handschriftlich in ein kleines schwarzes Büchlein was ich den Tag so getrieben habe - damit ich auch nicht verlerne mit der Hand zu schreiben und es nicht so schwer habe später mal mein Leben zu rekonstruieren, wenn ich meine Memoiren schreibe. ;-) )
Ich weiß jetzt das ich 23 Taschen besaß - der Virus hat zugeschlagen - jetzt sind es nur noch 13. Meine liebevoll gesammelten Spiegel, Maxis, Neons, etc...liegen jetzt alle mindestens genauso liebevoll neben meinen Unisachen in der grauen Papiertonne im Hof.
Gleich kommt Karton Nachschub - der wird aber erst morgen befüllt. Für heute ist Feierabend!

Montag, 21. September 2009

Küchenabschied

Die Hälfte meines bisherigen Lebens steht in Kartons vor mir. Fein säuberlich hat jeder einzelne ein Aufkleber auf dem steht was alles drin ist: Besteck, Töpfe, Pasta- und normale Teller, Schüsseln, Tassen und Gläser, Tischdecken, usw. Die Küchenmöbel sind sauber gemacht und warten jetzt auf meinen kleinen Bruder und sein Leben als Student. Innerhalb weniger Stunden ist alles ins Auto geladen und weg transportiert. Meine Küche ist leer und sieht trostlos aus. Ein Regal, ein Kühlschrank, eine Kaffeemaschine und eine Mikrowelle. Das muss für die nächsten Tage reichen.

Mein Zimmer ist immer noch das gleiche. Ich mache mir einen Plan, was ich wann in Kartons verpacken werde. Zum ersten mal wird mir richtig bewusst, dass ich meine Sachen eine sehr lange Zeit nicht sehen werde, das ich noch nicht einmal weiß ob ich sie in Kanada wieder sehen werde, oder ob ich doch auf deutschen Grund stehen werde und hier mein Leben weiter führe. Viel schlimmer ist es aber, mein Besitzt zu kategorisieren. Was brauche ich erst Mal nicht. Was kann ich wegschmeißen. Was nehme ich mit. Was will ich möglichst bald auch wieder bei mir haben.

Gedanklich verfasse ich schon Mal eine kleine Rede: „Liebe Freunde, Familie und alle ihr, die mich gerne besuchen kommen wollt, stellt euch darauf ein nur wenig eigenes Gepäck mitbringen zu können! Jeder wird mir etwas aus meinem deutschen Besitz, was es nicht bis in meinen eigenen Koffer geschafft hat, mitbringen müssen.“

Es ist schwer sich Gedanken darüber machen zu müssen, was man als erstes mitgebracht haben will. Es geht aber nicht anders. Schade das sich meine Wohnung nicht auf Knopfdruck zusammenklappt und sich ganz klein faltet um in einen der Kartons zu passen, die sich gerade im Flur stapeln. Für den würde ich dann sogar den horrenden Übergepäckspreis zahlen.


Alle Veränderungen, sogar die meistersehnten, haben ihre Melancholie. Denn was wir hinter uns lassen, ist ein Teil unserer selbst. Wir müssen einem Leben Lebewohl sagen, bevor wir in ein anderes eintreten können. (Anatole France)

Eine Liebeserklärung

23 Tage bis zu meinem Abflug. Heute beginnt das größte Weinfest der Welt. Und ich stehe zwischen zwei Welten.

Normalerweise freue ich mich tierisch darauf, denn es sind zwei Wochenenden voller Wiedersehen, Wein und gutem Essen. Dieses Mal fühle ich mich schwer und lustlos. Wahrscheinlich habe ich Angst davor so viele meiner Freunde zu treffen, weil es nach diesem Wochenende schon heißt, die ersten zu verabschieden.

Am nächsten Morgen stehe ich vor der Haustür und suche meinen Schlüssel. Ich bin gerade vom Weinfest nach Hause gekommen, drinnen riecht es nach Kaffee und aufgebackenen Brötchen. Wider Erwarten kam ich am Vorabend auf dem Weinfest an und das Gefühl der Lustlosigkeit war verschwunden. Hatte sich verabschiedet bei der Fahrt mit dem Rad durch das Feld, und mit dem ersten Duft von gebrannten Mandeln und Zuckerwatte in der Nase bekam ich Lust zu feiern. Am Ende der langen Nacht saß ich im Wingert und betrachtete den Sonnenaufgang mit dem letzten Schluck Rieslingschorle. Herrlich. Wahrscheinlich hatte ich genau davor Angst. Nicht so sehr vor den ersten Verabschiedungen, sondern davor, wie schön meine pfälzische Heimat ist, wie lecker der Wein schmeckt und wie lange man feiern kann ohne müde zu werden. Und natürlich der Morgen danach, wenn man im Feld sitzt, die Trauben von den Reben essen kann und dabei der Sonne beim aufwachen zusieht. Ich werde es vermissen. Ganz schön. Aber jetzt kommt sowieso der Winter, und der wird in Kanada viel schöner sein als hier.

Denn nichts ist doch süßer als unsere Heimat und Eltern, wenn man auch in der Fern' ein Haus voll köstlicher Güter unter fremden Leuten, getrennt von den Seinen, bewohnet. (Homer)

Mein Flug ist gebucht

Jetzt gibt es einen Tag, eine Uhrzeit. Aus dem Traum ist jetzt Wirklichkeit geworden. 04.10.2009. 14.40. Von irgendwo kommt plötzlich ein flaues Gefühl in der Magengegend. In ziemlich genau vier Wochen muss ich meine Wohnung geräumt haben, in einen Koffer 25 kg Gepäck zwängen das erstmal reichen muss um eine neues Leben zu starten und mich von allen verabschieden.

Frauen sagt man ja generell schon nach immer zu viel Gepäck mit zu nehmen. Was aber, wenn ich nun für unbestimmte Zeit aber für mindestens über ein halbes Jahr packen muss und nur 25 kg mit nehmen darf? Es fällt mir wahnsinnig schwer meine ganzen Bücher zurück zulassen und mich nur auf das Nötigste zu reduzieren. Kleider kann man eigentlich kaufen. Das muss ich wahrscheinlich sowieso, denn ob ich das richtige Winterzeug für Kanada habe ist sehr fraglich. Meine Pflanzen lassen die Blätter hängen und beinahe hätte ich vergessen ihnen neue Besitzer zu suchen. Kommt auf die „To do – in Deutschland“ Liste.

Ich fange an meinen Abschied zu planen. Am besten feiert sich in einer halb leeren Wohnung, also wird das Datum auf den Tag meines Auszugs gesetzt. Ich überlege wen ich alles da haben möchte und ob 93 Leute tatsächlich in meine kleine Wohnung passen würden. Oder ob ich vielleicht doch lieber, ganz klamm und heimlich und leise aus dem Leben der anderen verschwinden soll. So das niemand es bemerkt und erst nach ein paar Wochen jemand mal mailt wo ich denn stecke. Kann ich nicht tun. Dafür wissen es mittlerweile schon zu viele. Und ich muss mir ganz ehrlich eingestehen das ich mich jedes Mal viel zu sehr freue wenn mich jemand auf meine Pläne anspricht, den Neid und die Bewunderung für meinen Mut in den Stimmen höre.

Das komische Gefühl in der Magengegend wird schlimmer. Ich weiß nicht was mich erwartet. Selbst der klitzekleine Trost, jeder Zeit wieder zurück kommen zu können und dann wenigstens ein bisschen Auslandserfahrung zu haben, tröstet gerade nicht so sehr. Denn falls nichts klappt bin ich die Versagerin. Wie bei „Goodbye Deutschland“ oder in einer der unzähligen anderen Auswanderungsshows, bei denen ich mich immer über die Menschen lustig mache, die es nicht schaffen.

Sicher ist, das nichts sicher ist. Selbst das nicht. (Ringelnatz)

Eine zweite Chance - Soll ich?

Seit meiner Kindheit ist es mein größter Wunsch nach Kanada zu gehen. Das mag daran liegen das ich Kanadierin bin, aber nie wirklich dort gelebt habe. Rechtzeitig zum Start ins Kindergartenleben sind meine deutschen Eltern mit mir nach Deutschland gezogen. Nach der Realschule kam dann die erste Gelegenheit: Ab nach Kanada und dort die Highschool abschließen. Drei Jahre in einem Land, für das ich Heimatgefühle hegte obwohl ich es nur als Urlaubsparadies kannte. Aus drei Jahren wurde dann doch nur eins. Obwohl ich es wirklich wollte, kam mir mein Leben dort extrem langweilig vor. Ich lebte für die Schule, während meine Freunde in Deutschland gerade das Nachtleben entdeckten. Nach sehr viel Protest kam ich also schon nach einem Jahr wieder zurück. Nahm mir aber vor es irgendwann noch einmal zu versuchen. Wenn ich erwachsen bin.
Erwachsen fühle ich mich zwar nicht, aber der Sache schon mehr gewachsen als damals: Ich stehe vor der nächsten Gelegenheit. Mein Studium ist abgeschlossen. Ich habe keinen festen Job, bin seit kurzem solo und habe immer noch die kanadische Staatsbürgerschaft, die mein Eintritt in ein neues Leben sein könnte. Erst wollte ich nicht. Nur Urlaub machen. Zwei Wochen in meiner gefühlten Heimat. Zwei Wochen voller Emotionen. Und danach wusste ich: Ich muss meine zweite Chance nutzen.
Alles ist gekündigt: Job, Wohnung, Internet, Handy, Krankenkasse, etc. Zwei Monate muss ich noch überbrücken, dann geht es los. Und die ersten Zweifel kommen auch schon. Kann ich einfach so, ohne Job in ein eigentlich doch fremdes Land? Überstürze ich auch wirklich nichts? Kann ich meine Freunde hier alleine lassen, ohne mich zu sehr zu entfremden?
Ich kann es trotz allem nicht abwarten und würde am liebsten alle Feste und Partys saußen lassen, die in den nächsten Wochen noch auf mich warten, und ins Flugzeug steigen.

Es kommt nicht darauf an, dem Leben mehr Jahre zu geben, sondern den Jahren mehr Leben zu geben. (Alexis Carrel)