Es ist Mittwoch morgen und ich sitze im Peterborough Greyhound Terminal und warte mit einer Handvoll älteren Damen auf den 10.30 Uhr Bus nach Toronto. Mittwochs und Samstags bezahlt man nur den halben Preis und heute ist ausserdem der letzte schöne Tag in dieser Woche. Was gibt es da besseres als einen Ausflug nach Toronto?! Mein Plan: Alle Sehenswürdigkeiten betrachten solange die Sonne noch scheint und dann shoppen im Eaton Centre.
Natürlich setzt sich von allen Busreisenden ausgerechnet ein Bierstinkender und -trinkender älterer Mann neben mich, der zu allem Überfluss auch noch einschläft und anfängt zu schnarchen. Gemein wie ich bin, stöpsel ich mir meine Hörer in die Ohren, drehe meinen Kopf zum Fenster und tue abwesend. Was nicht sonderlich schwer ist, denn lange Busfahrten machen mich immer nachdenklich. Da ich nichts zum ablenken lesen kann wandern meine Gedanken in meinem Kopf von der Vergangenheit zur Zukunft und zur Gegenwart und wieder zur Zukunft. Während Autofahrten habe ich postivere Gedanken. Dabei scheint doch grade die Sonne und ich bin auf dem Weg zu einem schönen langen Tag downtown. Wird schon. Nicht sonderlich zu postiven Gedanken trägt die Bustür bei, es macht mich komischerweise ein bisschen nervös das es nur eine einzige Tür im Bus gibt. Nicht das ich mir etwas schlimmes vorstelle, aber falls doch etwas passieren sollte, muss ich erst mal herausfinden wie sich das Emergency Exit Fenster ohne ein Hämmerchen öffnen lässt. (Die perfekte Melodie für eine melancholische Busfahrt: die ersten paar Töne von A fine frenzys 'the minnow and the trout')
Angekommen. Das erste was mir ins Auge sticht ist ein Starbucks. Sehr praktisch, ein Vanilla Latte ist genau das was ich jetzt brauche (ich bestelle mir einen großen 'tall' und bekomme den kleinsten...verdrehte Welt! 'grande' ist mittel und 'vendi' ist am größten) und einen Platz zum sitzen um mich auf meiner Karte zu orientieren. Bringt natürlich nichts, denn sobald ich wieder draussen auf der Straße stehe habe ich alles vergessen und befinde mich auch schon im H&M am Dundas Square (in diesem Monat in Kooperation mit Jimmy Choo) und im nächsten Moment in einem Schuhgeschäft im Eaton Centre mit einem paar Stiefeln zum anprobieren. Als die Verkäuferin mich fragt welche Größe ich brauche, siegt meine Vernunft und ich mache mich auf den Weg nach draussen (mit einem kurzen Stop im GAP Shop – aber nur um kurz zu schauen ob es sich später lohnt einen längeren Stop hier einzulegen) in die Sonne und zur Stadterkundigung.
Erstes Ziel: Der CN Tower. Der größte Turm der Welt (mittlerweile vermutlich nicht mehr). Nach anfänglichen Orientierungsschwierigkeiten stehe ich schließlich vor ihm. Ich sehe den Glasboden von hier unten und verbringe die nächsten 20 Minuten auf einer Bank in der Sonne und einem gedanklichen Hin- und Her...soll ich hoch oder nicht? Am Ende siegt meine Höhenangst und ich mache mich auf zur Harbourfront, an der ich das letzte Mal 1999 am Canada's Day war und ein Stück Erdbeer-Sahne-Torte von dem metergroßen Kuchen in Form einer kanadischen Flagge gegessen habe. Vor genau zehn Jahren also. Und obwohl ich damals schon genau so groß war, irgendwie kommt mir jetzt alles viel kleiner vor. Hätte es jetzt die normale Temperatur zu dieser Jahreszeit könnte ich jetzt mit Blick auf den Lake Ontario Schlittschuhlaufen. Dazu ist es aber zu warm. Mein Weg führt mich weiter zum Air Canada Centre. Statt einer großen Halle wie ich es erwartet hätte, stehe ich irgendwie vor einem Gebäude das eher nach Büros aussieht als nach Sport. Auf meiner Karte sind es nur noch wenige Meter bis zur Hockey Hall of Fame, also biege ich rechts ab und sehe auch schon von weitem das kleine Häuschen an der Ecke zur Yonge Street. Natürlich interessiert mich die längste Einkaufsstraße der Welt mehr als Hockeyspieler und ich laufe munter weiter, stehe immer wieder viel zu lang an Fußgängerampeln, weil ich damit beschäftigt bin mir die Hochhäuser und Geschäfte anzuschauen, und ständig nur die letzten paar Sekunden der grünen Phase mitbekomme.
Nächstes Ziel: Chinatown. Wenn ich schonmal hier bin und wenn ich schon bald eine Vergleichsmöglichkeit habe, muss ich mir das auch anschauen. Außerdem scheint die Sonne immer noch. Auf dem Weg dorthin treffe ich einen Deutschen, der ausgerechnet in Heidelberg studiert. Er will später auf den CN Tower. Nach einer kurzen Überlegung entschließe ich mich dazu mit zukommen (Take this, Höhenangst!), aber erst nach Chinatown und dem Kensington Market Viertel.
Chinatown ist Chinatown. Ein buntes Geschäft nach dem anderen und ausnahmsweise ist Englisch nicht die dominierende Sprache. Im Gegensatz zu downtown Toronto sind die Häuser hier viel kleiner, die Straßen weiter und es gibt mehr Bäume.
Kensington Market hat auch viele kleine Geschäfte, ist aber viel gemütlicher als Chinatown. Erinnert mich mehr an ein kleines Städtchen in Frankreich als ein Viertel in Toronto.
Wir machen uns also auf zum CN Tower und diesmal zögere ich keinen Moment. Ticket gekauft, durch den Sicherheitscheck (eine seltsame Vorrichtung, die mich an eine Zeitmaschine erinnert und mich von Kopf bis Fuß belüftet...wie kann denn Luft meine Sicherheit feststellen?) und schon stehe ich im Aufzug (mit Glasboden Quadrat) 346 Meter nach oben. Vier Meter weiter unten dürfen sich Mutige auf den Glasboden (den ich vorher noch von unten gesehen habe) stellen. Ich gehöre defintiv nicht zu den Mutigen und mir wird es ein bisschen mulmig zumute als ich davor stehe und Fotos mache (da unten stand ich vorhin), während Menschen hinter mir entlang laufen. Wehe, es stubst mich jemand! Nach einem Rundlauf um den Turm (und meiner Feststellung das das Air Canada Centre von oben durchaus wie eine Sportstätte aussieht), nehmen wir den Aufzug nach oben zum Sky Pod. 447 Meter, 33 Stockwerke über dem normalen Lookout Level, 147 Stockwerke über dem Eingang. Und die Sonne geht unter. Einen besseren Zeitpunkt hätten wir gar nicht erwischen können, jetzt sehen wir Toronto von oben bei Tageslicht, während des Sonnenuntergangs und wenn es dunkel ist mit all seinen bunten Lichtern. Ich glaube meine Höhenangst ist geheilt. Zu mindest teilweise, denn am besten gefällt es mir ganz oben auf dem höchsten Observation Deck, aber es können mich keine zehn Pferde dazu bewegen auch nur einen Schritt auf den Glasboden zu machen. Nach einer Fahrt mit der Durchschnittsgeschwindigkeit von Fallschirmspringersoldaten die aus einem Flugzeug springen, stehen wir wieder auf festen Boden und – ganz touri-mäßig- im CN Tower Fanshop.
Mittlerweile ist es dunkel, überall funkeln Weihnachtslichter und ich mach mich -wieder alleine- auf die Suche nach meiner Bushaltestelle, damit ich die dann später (nach meinem Shoppingtrip) wieder finde. Auf dem Weg komme ich am Much More Music Studio vorbei und muss mich an einer Horde kreischender Teenies vorbei zwängen, die versuchen ein Autogramm von den beiden A? B? C? Promis (ich hab keinen der beiden kleinen aufgestylten Männleins jemals zuvor gesehen) zu ergattern. Irgendwie habe ich mir meine Bussuche einfacher vorgestellt und muss feststellen das ich mich tatsächlich ein wenig verlaufen habe. Glücklicherweise ist alles einigermaßen quadratisch und nach einem etwas größerem Umweg stehe ich auf dem Dundas Square (Torontos Times Square) und vor dem H&M, mein erster Stop vor circa 6 Stunden. Jetzt muss ich nur noch den Starbucks finden und dann hätte ich schon alles gefunden was ich wollte. Leider stellt sich das doch etwas schwieriger heraus, denn wie es der Zufall so will gibt es hier natürlich an jeder Ecke einen Starbucks. Aber Frau ist ja clever und hat sich die Geschäfte gemerkt an denen sie vorbei gelaufen ist, sowie einen Aufkleber an einem Ampelpfosten an einem Straßenübergang und einen krummen Pfeil auf der Straße. Man muss eben auch einen Blick auf Kleinigkeiten haben, dann findet man schon seinen Weg. Wenn es auch etwas länger dauert. Zum shoppen habe ich jetzt natürlich keine Zeit mehr, nur noch zum essen. Zurück im Eaton Centre (geheimer Eingang durch Sears quasi gegenüber der Bushaltestele gefunden) führt mich mein Weg schnurstracks in den Foodcorner. Fast. Denn was ist ein Shopping Centre ohne Shops. Und natürlich komm ich nicht drumherum wenigstens einen ganz kurzen Abstecher in den Aerie Laden zu machen (die Unterwäsche marke von American Eagle). Und natürlich finde ich auf anhieb zehntausend Sachen die ich unbedingt anprobieren möchte. Wieder sitzen Engelchen und Teufelchen auf meinen Schultern...Essen oder Anprobieren? Da kommt auch schon eine Verkäuferin und führt mich in die schönsten und bequemsten und umwerfendensten Umkleideräume der Welt. Teppichboden, riesen Sofa für die Herren zum warten, angenehmes Licht, das mir nicht alle meine Makel zeigt, einen großen ledernen Hocker, jede Menge Kleiderhaken und einen blauen Knopf mit einem kleinen Vögelchen darauf, der nach einer Verkäuferin ruft wenn ich eine brauche und die mir dann alles bringt was ich möchte oder mir sagt (in meinem Fall) wie gut der 'boyfriend' pj an mir aussieht. Ich will hier bleiben. Mein restliches Leben in diesem Umkleidesalon verbringen. Wirklich. Es ist so schön hier, dass ich beinahe vergesse das ich Hunger habe. Schweren Herzens verabschiede ich mich und gehe zur Kasse (ja, ich hab jetzt einen 'boyfriend' pijama). Dort macht man mir es noch schwerer den Laden zu verlassen, denn ich bekomme eine Schleife um meine neueste Errungenschaft gebunden, eine wunderschöne hellblaue Tüte in der nicht nur mein Pj Platz findet, sondern auch noch zahlreiche blaue, grüne und gelbe Seidenpapiere und eine Schleife, die ich mir von sechs verschiedenen Farben aussuchen darf. (Während die Verkäuferin meine Tasche bepackt, kommt mir die Situation ein bisschen vor wie in 'Tatsächlich Liebe...' wenn Mr. Bean in einem Kaufhaus ganz besonders liebevoll eine Geschenk verpackt und der Käufer es eigentlich ganz eilig hat).
Zum essen bleibt mit zum Glück noch etwas Zeit, aber nicht genug um mich an einer langen Schlange vorm Thai Chef anzustellen. Also esse ich notgedrungen einen McChicken und ein paar French Fries und mache mich wieder auf zur Bushaltestelle.
Zwei Stunden später sitze ich im Auto nach Hause, fühle meine Beine nicht mehr und freue mich immer noch wahnsinnig über meine eine Einkaufstüte und bin ganz stolz auf mich das ich mich tatsächlich auf den 447 Meter hohen CN Tower gewagt habe. Als ich aus dem Auto steige und in den sternenklaren Himmel schaue (ich hab selten soviele Sterne gesehen wie hier in Canada), sehe ich auch noch eine Sterneschnuppe. Was füer ein gelungener Tag.
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