Donnerstag, 8. Oktober 2009

Canada ist auf Platz vier der lebenswertesten Länder der Welt.

Ich bin immer noch ein wenig im deutschen Rhythmus. Um neun Uhr abends bin ich todmüde, morgens um 5 wache ich auf und bin fit wie ein Turnschuh. Ich zwinge mich dazu wenigstens bis um halb 8 noch ein wenig zu dösen. Ein Blick in meinen Kleiderschrank sagt mir das ich wirklich, wirklich nicht mehr sehr viele Kleider besitze. Ich sollte vielleicht doch das Angebot eines Freundes annehmen, seinen Truck ausleihen und shoppen gehen. Zum Frühstück gibt’s Cheerios und frischen Kaffee und Michael Bublé als Wettermann im Frühstücksfernsehen.

Heute werde ich meine Social Insurance Number beantragen, meine Health Card abholen und ein Bankkonto eröffnen. Als ich das letzte Mal in Canada war, ging das alles sehr schnell und ohne große Reiberein. Diesmal ist alles anders. Es stellt sich heraus, das ich schon eine SIN habe, die allerdings nicht mehr gültig ist, weil ich sie fünf Jahre nicht benutzt habe. Drei Formulare später darf ich gehen, ohne SIN. Die bekomme ich per Post, sobald alle Formulare im Headquarter akzeptiert wurden.

Als nächstes kommt die Krankenversicherung. Die nette Dame am Schalter erklärt mir, dass ich jeweils ein Dokument aus drei verschiedenen Listen brauche. Zwei davon besitze ich schon, mein Birth Certificate und meinen Pass, fehlt nur noch ein Dokument aus Liste 2 mit meiner kanadischen Adresse. Am besten einen Kontoauszug. Also machen wir uns auf zur Bank. Ich bekomme ein Konto und eine nigelnagelneue, rotglitzernde EC-Karte mit silbernen Funkelsternchen. Damit kann ich nicht nur bezahlen und Geld abheben, ich sammle auch bei jeder Benutzung Punkte, die ich dann im Kino einlösen kann und somit vielleicht nie wieder Eintritt fürs Kino zahlen muss. Für eine Kinogängerin wie mich könnte das fatale Folgen haben.
Zurück zur netten Health Card Lady: Sie gibt mir zu verstehen das ich einen zugeschickten Kontoauszug benötige, nicht einen in der Bank ausgestellte. Aha. Und zusätzlich bräuchten sie auch noch mein Ticket, das belegt wann ich wieder nach Canada eingereist bin. Aha. Gut. Ich dachte Deutschland wäre das Land der unnötigen Bürokratie. Das Ende vom Lied sieht also so aus: keine SIN (also erst mal keine Arbeit) und keine Krankenversicherung (jedenfalls keine kanadische). Dafür aber eine Bankkarte mit der ich Punkte fürs Kinosammeln kann. Works perfectly for me.
(Heute ist übrigens der kanadische Gesundheitsminister zurück getreten. Macht Sinn, denn, so gut das kanadische Gesundheitssystem auch sein soll, es ist nicht ganz glaubwürdig, wenn der Gesundheitsminister etwa doppelt so breit wie lang ist.)

Um 4 Uhr mittags schleicht sich Müdigkeit ein. Ich sitze mit einem Buch in meinem Zimmer und höre ein aufgeregtes Quieken draussen. Die nächste halbe Stunden verbringe ich damit von Fenster zu Fenster zu rennen und den kleinen quirligen Eichhörnchen beim Futtersammeln zu zuschauen. Zwei der Tierchen rennen und springen auf den dünnen Ästchen des Walnussbaums in der Einfahrt auf und ab, machen einen heidenlärm und schmeißen die riesigen Nüsse auf den Boden. Dort sprinten zwei andere Squirrels (der Name passt viel besser zu den hyperaktiven Nagern) zwischen verschiedenen Verstecken hin und her, jeweils mit einer Nuss zwischen den Zähnen die circa halb so groß sind wie die Tierchen selbst.

Go Leafs, go! An meinem dritten Abend sitze ich vor dem Fernseher und schaue Eishockey. Toronto gegen Ottawa, beide haben in dieser Saison noch kein einziges Tor geschossen und, so wenig ich auch über die Regeln weiß, beide Teams spielen schlecht, das merke sogar ich. Der Trainer der Maple Leafs trifft den Nagel auf den Kopf: „We suck“. Da schaue ich doch viel lieber „Battle of the Blades“: Acht ehemalige Hockeyspieler machen sich vor der Kamera zum Affen in dem sie mit acht Eisprinzessinen auf dem Eis tanzen. Es gibt wirklich nichts lustigeres als diesen Hünen bei ihrem Versuch grazil über das Eis zu laufen zu zuschauen, denn alle samt sehen einfach nur plumb und unbeholfen aus und es steht ihnen ins Gesicht geschrieben das sie das nie wieder machen werden und sie den Hockeystick einer Frau vorziehen. Jedenfalls auf dem Eis.

Heute war übrigens auch der erste Tag an dem meine Socken aus der Schublade geholt wurden. Das will wirklich etwas heißen, denn ich hasse Socken und trage am liebsten bis zum ersten Schnee meine offenen Schuhe. Der erste Schnee ist tatsächlich schon gefallen. Zum Glück nicht hier, sondern irgendwo im Norden, aber der weatherforecast verheißt nichts gutes. Meine Zehen sind blau und notgedrungen habe ich meine sonnengelben Gute-Laute-Ballerinas in den Winterschlaf entlassen.

Das Wesen des Frühlings erkennt man erst im Winter, und hinter dem Ofen dichtet man die besten Mailieder. Die Freiheit ist eine Kerkerblume, und erst im Gefängnis fühlt man den Wert der Freiheit. (Heinrich Heine)

1 Kommentar:

  1. bürokratie... bin ma gespannt was mich noch erwartet, aber das klingt bei dir schon sehr spannend ;)

    die quirligen squirrels sind echt soooo toll!

    warte sehnsüchtig auf mehr fotos vom indian summer ;)

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